Inselschatten # 20
Während Bang und seine Männer im Schutz der Dunkelheit auf ihre Chance warten, bleibt nur eine Frage: Werden sie die Küste erreichen und werden sie die Beweise in Sicherheit bringen?
Was bisher geschah: Während auf Cahaya der Notstand ausgerufen wurde und die Insel im Chaos eines drohenden Machtkampfes zwischen Sindikasi und Triaden zu versinken droht, warten Bang und seine Männer in einer Höhle auf den Einbruch der Nacht. Im Schutz der Dunkelheit wollen sie die Flucht wagen um die Beweise mit Hilfe ihres Kutters nach Dowon und in Sicherheit zu bringen.
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Die Luft in der Höhle war schwer, feucht und schmeckte nach Stein und Metall. Seit Stunden dasselbe Geräusch. Tropfen von Wasser irgendwo in der Tiefe.
Bang saß mit dem Rücken zur Wand, das Gewehr neben sich, die Finger unruhig am Magazin. Draußen sank das Licht, wurde orange, dann grau. Noch eine halbe Stunde, vielleicht weniger, und sie konnten es wagen, nach draußen zu gehen.
Eric hockte ihm gegenüber, die Stirn glänzend vor Schweiß, der Blick leer auf den Funkempfänger gerichtet, der stumm in der Dunkelheit lag. „Nichts,“ murmelte er. „Seit dem Morgen. Kein Rauschen, kein Signal. Als wäre die Leitung abgeschnitten.“
Bang kaute auf einem Rest getrocknetem Fisch herum, hart wie Leder, spülte ihn mit einem winzigen Schluck Wasser hinunter. Er spürte den Hunger, aber das spielte keine Rolle. Hunger machte wach. „Kein Notruf,“ sagte er. „Wenn was Schlimmes passiert wäre, hätten sie den Code geschickt.“
Tao, der alte Minenarbeiter, saß nahe beim Höhleneingang, das Gewehr auf den Knien, die Augen auf das schwindende Licht draußen gerichtet. „Vielleicht konnten sie nicht,“ sagte er leise. „Vielleicht sind sie beobachtet worden.“
Bang sah kurz zu ihm hinüber. „Oder der Funk ist einfach tot. Wir wussten, dass die Funkverbindung schlecht sein wird. Die Berge, die Feuchtigkeit. Es gib zuviele Unbekannte.“ Eric sah ihn an, müde, aber klar. „Wenn sie geschnappt wurden, wartet da draußen vielleicht schon jemand auf uns.“
„Dann finden wir’s raus,“ sagte Bang.
Draußen schob sich der Wind in die Bäume, brachte das Geräusch von Insekten, dann wieder Stille. Eine Stille, die zu sauber klang.
Bang beugte sich vor, zog eine grobe Skizze in den Staub; Küste, Höhle, Weg zurück. „Wenn wir kurz nach Sonnenuntergang losgehen, brauchen wir drei Stunden bis zum Strand. Kein Licht. Nur Funk alle zwanzig Minuten, falls wir wieder Verbindung kriegen.“
Eric schnaubte leise. „Falls sie überhaupt noch da sind.“
Bang blickte auf, die Kiefer angespannt. „Wir lassen niemanden zurück, Eric. Wir holen sie, oder das was von ihnen übrig ist.“
Eine Weile sagten sie nichts. Nur das Tropfen, das tiefer klang, so als wäre die Höhle selbst am Lauschen.
Bang stand auf, streckte die Beine, prüfte den Riemen seines Rucksacks. „Noch zehn Minuten,“ sagte er. „Dann geht’s los. Wir gehen leise, wir gehen schnell. Und wenn jemand da draußen auf uns wartet, dann sind wir bereit.“
Keiner widersprach. Draußen flackerte das letzte Licht der Sonne auf, schwach, golden, bevor es im Wald verschwand. Dann legte sich die Nacht auf den Dschungel wie ein warme Decke. Sie brachen auf, sobald die Sonne verschwunden war.
Der Dschungel sog sie ein, schwitzend, leise, jeder Schritt ein Kompromiss zwischen Tempo und Tarnung. Das Licht ihrer Lampen blieb aus. Nur Mond und Schatten.
Der Weg war schlechter geworden. Schlamm, Wurzeln, Dornen.
Bang ging vorne, die Waffe eng am Körper, das Funkgerät am Gürtel. Hinter ihm Eric, dann Tao, der sich an Ästen abstützte, schwer atmend.
Anfangs war nur das Rascheln der Nacht zu hören, Insekten, Vögel, das ferne Dröhnen des Meeres. Doch je näher sie der Küste kamen, desto mehr veränderte sich der Klang.
Ruhiger. Zu ruhig.
Dann das erste Geräusch. Metall auf Metall.
Bang hob die Hand, sie blieben stehen, kauerten sich in den Boden. Ein Scheinwerferkegel tastete den Hang ab, glitt über Büsche, über Felsen, kam gefährlich nah. Bang presste sich gegen den Boden, roch Erde, Öl, Salz. Der Lichtkegel schwenkte weiter. Keine Reaktion. Nur das Brummen eines Motors, entfernt, tief.
Eric flüsterte: „Miliz.“
Bang nickte. Er hatte es auch gehört, das dumpfe stampfen von Stiefeln auf festem Boden, gleichmäßig, trainiert.
Was zur Hölle machen die hier? dachte er.
Die Südküste war unbewohnt, verlassen, vergessen, ein Landstrich für Schmuggler und ein paar Fischer. Sie hatten das überprüft. Wochenlang die Satellitenbilder studiert. Keine Bewegung. Hier war eigentlich kein Militär stationiert.
Warum waren sie jetzt hier. Das klang nach Überwachung. Was hatte sich verändert und warum?
Sie schlichen weiter, tiefer zwischen die Palmen, am Rand eines offenen Pfads entlang.
Bang sah zwischen den Blättern hindurch. Fahrzeuge. Dunkelgrün, mit den Abzeichen der Militärmiliz. Männer mit Gewehren, Helme, Stirnlampen.
Ein Checkpoint. Sandbarrieren. Zwei Boote am Strand.
„Scheiße,“ murmelte Eric. „Das ist kein Zufall.“
Bang spürte, wie sich der Knoten in seiner Brust fester zog. „Nein,“ sagte er. „Das ist ’ne Säuberung.“
Sie warteten, bis der Trupp sich entfernte, dann krochen sie über einen kleinen Abhang, durch Gestrüpp, das sich wie Draht anfühlte.
Zweimal mussten sie flach zu Boden, als der Strahl von Scheinwerfern über sie hinweg fegten. Einmal so nah, dass Bang den Atem der Männer hörte, das metallische Klicken einer entsicherten Waffe.
Er zählte die Schritte, wartete, bis sie verklangen. Dann weiter.
Langsam, immer langsamer.
Das Meer war jetzt zu hören. Dumpf, rhythmisch, vertraut. Aber dazwischen: Motoren, Befehle, das Schlagen von Metall auf Holz.
Bang kniete sich hin, sah zu Eric.
„Sie sichern alles,“ flüsterte er. „Boote, Strand, Lagereingang. Das ganze Gebiet ist dicht.“
Eric sah ihn an, die Stirn im Mondlicht schweißnass. „Dann sind unsere Leute…“
Bang schüttelte den Kopf. „Wir wissen es nicht. Noch nicht.“
Ein Windstoß wehte von der Küste herüber, brachte den Geruch von Diesel und Rauch.
Und unter allem, dieses Gefühl im Magen, das Bang kannte.
Nicht Angst.
Nicht einmal Wut.
Etwas dazwischen.
Etwas, das sagte: Hier hat jemand die Spielregeln geändert.
Der Geruch traf sie zuerst.
Verbranntes Holz, Diesel, Salz. Ein scharfer, ätzender Geschmack, der sich in den Rachen fraß. Dann das Bild:
Unten am Strand, kaum fünfzig Meter entfernt, ragten die verkohlten Überreste des Kutters aus dem Wasser, der Rumpf schwarz, geborsten. Der Mast lag im Sand, schief wie ein Kreuz.
Bang blieb stehen, kniete sich langsam hin.
Das Meer glomm rot im schwachen Licht der Taschenlampen, die über den Strand huschten. Soldaten. Mindestens ein Dutzend.
Uniformen der Militärmiliz, dunkle Westen, Helme, Gewehre locker im Griff.
Zwischen ihnen, zwei Leichen.
Zivil. Verbrannt, kaum zu erkennen.
Einer trug noch das Funkgerät am Gürtel.
Eric stieß einen Laut aus, dumpf, gehemmt.
Bang packte ihn sofort am Arm. „Nicht,“ zischte er.
Sie duckten sich tiefer ins Gestrüpp.
Das Beiboot lag zerschmettert am Ufer, die Plane halb im Wasser, Einschusslöcher im Rumpf. Ringsum Sandspuren, Blut. Hier hatte ein Kampf stattgefunden. Das war ein gezielter Überfall.
Tao schluckte schwer, der alte Mann starrte auf das Wrack. „Unsere Leute?“
Bang nickte kaum merklich. „Zwei davon, ja. Die anderen….“
Er beendete den Satz nicht. Es gab nichts mehr zu sagen.
Ein Offizier rief Befehle, Soldaten schleppten Material zusammen, Metall, Seile, Kisten. Es klang nach Routine.
Nach Aufräumen.
Bang spürte, wie sich in ihm alles verengte.
Das Blut hämmerte in seinen Schläfen, Schweiß brannte ihm in den Augen.
„Scheiße,“ flüsterte er, „sie haben sie erwischt.“
Eric hob vorsichtig den Funk an den Mund, wollte etwas sagen, da kam das Rufen.
Ein Schrei, grell, eindeutig.
„Di sana!“ — Da drüben!
Licht zuckte durch den Wald, blendete auf den nassen Blättern.
„Lauf!“ knurrte Bang.
Sie stürzten los. Dornen, Äste, Schlamm. Kugeln rissen durch das Laub, einer der Schüsse zischte dicht an Erics Kopf vorbei.
Tao stolperte, Bang zog ihn hoch, weiter, immer weiter, den Hang hinauf.
Hinter ihnen Motorengeräusch, Stimmen, Befehle, Hunde.
Bang schnappte nach Luft, das Herz raste, aber er blieb nicht stehen.
Nicht jetzt.
Der Dschungel verschluckte sie wieder.
Nur der Gestank von Rauch blieb zurück und das Bild der Männer, ihrer Leute. Freunde. Jetzt Leichen.
Sie rannten, bis ihnen der Atem brannte. Der Boden vibrierte unter den Schritten, Äste peitschten ihre Gesichter, der Rauch lag wie ein Laken über dem Wald.
Dann sahen sie es.
Das Licht zuerst. Grell, zuckend, unnatürlich. Dann das Donnern der Flammen.
Die Miene! Sie stand in Flammen.
Lagerhäuser, Baracken, Tanks. Alles brannte.
Die Hitze traf sie in Wellen, das Feuer fraß sich durch Holz, Blech, Stoff. Funken flogen in den Nachthimmel, Asche fiel wie grauer Schnee. Der Gestank von verbranntem Öl und Gummi lag schwer über allem.
Bang blieb stehen, keuchend, unfähig den Blick abzuwenden.
„Verdammt,“ flüsterte Eric. „Sie… sie machen alles platt.“
„Säuberung,“ knurrte Bang. „Keine Spuren. Keine Zeugen. Keine Beweise.“
Tao legte eine Hand auf einen Baumstamm, hustete heftig, die Lungen voller Rauch. „Alles weg,“ murmelte er. „Das Gold, die Aufzeichnungen, die Namen…“
Bang riss den Rucksack von der Schulter, öffnete ihn, prüfte das Probenmaterial, die Speicherkarte, die wenigen Dokumente.
Sie hatten etwas. Sie hatten Beweise. Nicht alles, aber genug, um den Wahnsinn sichtbar zu machen.
„Das was wir haben ist ausreichend,“ sagte er. „Wir müssen hier aber weg. Sofort.“
„Wohin?“ fragte Eric, den Blick noch immer auf die Flammen gerichtet. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen, wie eine Vorahnung.
„Teluk Awan,“ sagte Tao heiser. „Da gibt es Fischer. Freunde. Sie helfen uns.“
Bang schüttelte den Kopf. „Die Boote der Fischer sind zu klein. Wir kommen damit nicht nach Dowon.“
Tao sah ihn an. „Aber nach Pulau Cahaya vielleicht. Es ist nah. Von dort… vielleicht findet sich ein Weg. Ich kenne dort jemanden.“
Bang überlegte kurz, das Feuer knisterte hinter ihnen, als würde die Hölle selbst atmen.
„Pulau Cahaya,“ wiederholte er leise. „Ja. Vielleicht ist Mei-Li noch dort.“
Er zog den Reißverschluss des Rucksacks zu, warf ihn sich über. „Sie ist unsere einzige Chance. Wenn jemand die Beweise rauskriegt, dann sie.“
Eric nickte, und für einen Moment standen sie da. Drei Gestalten vor dem brennenden Gerippe einer Welt, die sie hatten retten wollten.
Bang sah ein letztes Mal auf die Flammen.
„Sie wollen alles auslöschen,“ murmelte er. „Aber nicht uns. Uns werden sie nicht auslöschen. Noch nicht.“
Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch.
Sie rannten wieder. Weg vom Feuer. Weg vom Gestank.
Richtung Meer, nach Teluk Awan und dann Richtung Pulau Cahaya.
Richtung Hoffnung.
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