Inselschatten # 18
Als die Insel im Chaos versinkt, führt ihre letzte Hoffnung sie zum Tempel von Pulau Cahaya.
Was bisher geschah: Auf Cahaya herrscht Ausnahmezustand. Das Sindikasi hat die Kontrolle über Ibu Tanah übernommen, und Dina bleibt nichts anderes übrig, als nach Pulau Cahaya zu fliehen. Doch selbst dort ist sie nicht sicher, während Tika mit leisen Worten Zweifel und Zwietracht in Dinas Herz sät.
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Mei-Li wirkte blass in dem gedämpften Licht des Besprechungsraums. Ihre Augen verrieten, dass sie nicht geschlafen hatte – zu viele Stunden, zu viele Sorgen. Sie hatte die Hände um eine Tasse gelegt, die längst kalt geworden war.
„Es ist alles vorbereitet,“ sagte sie, leise, aber mit einer Ruhe, die auf Entschlossenheit schließen ließ. „Wir bringen Mingtian in den Tempel.“
Dina hob den Kopf. „Den Tempel…?“
„Ja,“ antwortete Mei-Li mit gedämpfter Stime. „Dort ist er sicher. Zumindest vorerst.“
Dina schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sicher? Vor wem?“
Mei-Li sah sie an, mit diesem Blick – fest, klar, aber müde – und für einen Moment wich die Politikerin aus ihr und machte Platz für den Menschen.
„Später,“ sagte sie nur, kaum hörbar, ein Flüstern, fast ein Hauchen.
Das Wort hing schwer im Raum, wie ein Vorhang, den man nicht zu lüften wagte.
Dina nickte, langsam, aber in ihr wuchs Unruhe. Sie dachte an den Tempel auf Pulau Cahaya. Den Nebel über den Bambusbäumen, das Summen der Insekten, die Katzen, die über die warmen Steine schlichen. Ein heiliger Ort, ja. Aber auch ein Ort, an dem jedes Flüstern gehört wurde.
„Ich bleibe bei ihm,“ sagte sie schließlich. „Wenn ihr ihn dorthin bringt, bleibe ich bei ihm.“
Mei-Li nickte. „Das war auch mein Wunsch. Du kennst ihn, du kannst ihm Ruhe geben. Er braucht dich.“
Dina atmete tief durch, und dann kam der Gedanke, der sich sofort festsetzte: „Wenn ich gehe… dann kommen auch die Zwillinge und Fadila mit.“
Mei-Li sah auf, überrascht. „In den Tempel?“
„Sie sind krank,“ sagte Dina. „Und wenn die Gerüchte stimmen, dass das Wasser vergiftet ist, dann ist das Dorf kein Ort mehr für sie. Sie sind sicherer in Tempel, bei mir. Ich werde Bhante Surya persönlich darum bitten, wenn du willst.“
Mei-Li presste kurz die Lippen aufeinander, überlegte. Man sah, wie sie abwog. Verantwortung gegen Risiko, Pflicht gegen Mitgefühl.
„Ich weiß nicht, ob Bhante Surya das zulässt,“ sagte sie schließlich. „Er ist streng. Fremde duldet er nur, wenn sie schweigen können.“
„Die Kinder und Fadila werden den Frieden des Tempels nicht stören,“ entgegnete Dina leise, aber fest. „Ich kann sie nicht zurücklassen.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann nickte Mei-Li. Ganz langsam.
„Ich werde mit ihm sprechen,“ sagte sie. „Ich verspreche nichts. Aber ich werde es versuchen.“
Dina legte die Hand auf den Tisch, leicht, als wolle sie die Unruhe glätten, die sich zwischen ihnen ausbreitete.
„Es geht gleich los,“ sagte Mei-Li, während sie das Handy in die Tasche gleiten ließ. „Du holst bitte Fadila und die Zwillinge. Wir treffen uns am Haupteingang des Resorts. Dort wartet ein Fahrzeug und der Wachschutz auf uns.“
Dina schluckte. Dann nickte sie. „Okay, ich beeile mich.“
Sie drehte sich um, das Herz pochte ihr zu schnell. Der Korridor vor ihr war still, fast zu still. Nur das leise Surren der Klimaanlage, das gedämpfte Klicken ihrer Schritte auf dem Marmor.
Sie hatte Damar versprochen, auf Fadila und die Kinder aufzupassen. Er würde sich um die Plantage kümmern, die Felder, das Wasser, die Tiere. Sie sich um das, was ihm am meisten bedeutete. Sie hatten darüber geredet, über den Ernstfall.
Und jetzt war genau das eingetreten, was sie insgeheim befürchtet hatten.
Das Resort hatte sich verändert.
Wo früher Lachen, Musik und leises Stimmengewirr in der Luft gelegen hatten, herrschte jetzt gespannte Ordnung. Keine Gäste mehr. Keine Sonnenstrahlen, die über weißen Sonnenstühlen spielten. Stattdessen Männer in dunklen Uniformen an den Eingängen, Frauen in strengen Business-Anzügen, mit Akten in der Hand und einem Funkgerät am Gürtel.
Sie gingen zielstrebig, sprachen kaum, ihre Gesichter wie Masken, unbewegt.
Dina fühlte, wie sich die Luft verändert hatte, wie sie dichter, schwerer geworden war, so als hätte das Gebäude selbst das Atmen eingestellt. Das hier war kein Ort der Erholung mehr. Dina begriff; das Resort war zum Hauptquartier der Triaden geworden.
Ihr Herz klopfte schneller, sie zog den Stoff ihrer Tasche fester an sich. Jeder Blick, der sich auf sie richtete, fühlte sich an, als würde er etwas durchleuchten.
Sie hielt den Kopf gesenkt, ging zügig, unauffällig.
Vor der Tür zu Fadilas Zimmer blieb sie kurz stehen, atmete tief ein.
Ein leises Klopfen. Dann die vertraute Stimme von Fadila. „Dina?“
Dina trat ein. Die Zwillinge saßen auf dem Bett, dicht aneinander geschmiegt, ihre Augen groß und fragend ihre Gesichter blass und fahl.
„Wir müssen los,“ sagte Dina sanft. „Packt nur das Nötigste ein. Es ist alles vorbereitet.“
Fadila sah sie an, verstand, ohne zu fragen.
Sie nickte, nahm die Kinder an die Hand.
Während Dina half, die letzten Sachen in eine Tasche zu legen, hörte sie draußen Schritte, ein kurzes Funkgeräusch, dann wieder Stille.
Sie wusste, dass sie beobachtet wurden. Aber das durfte sie nicht aufhalten.
Nicht jetzt. Nicht mehr.
„Komm,“ sagte sie leise, „bleib nah bei mir.“
Dann öffnete sie die Tür, und gemeinsam gingen sie den langen Gang hinunter und hinein in ein Resort, das keines mehr war, hinein in etwas, das gefährlicher war als alles, was Dina bisher kannte.
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Jedes Mal auf S Neue Aufregung