Inselschatten # 13
Zwischen Bitte und Verantwortung erkennt Dina das Gewicht ihrer Wahl.
Was bisher geschah: Dinas Welt ist aus den Fugen geraten. Auf Cahaya scheint etwas ins Wanken geraten zu sein. Machtverhältnisse verschieben sich, Gewissheiten bröckeln und das vertraute Gleichgewicht zerfällt. Dina spürt, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat, doch sie versteht noch nicht, was hinter dem Chaos steckt.
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Das Boot legte sanft an. Die Luft über Pulau Cahaya war stiller, klarer und doch lag auch hier etwas in ihr, das Dina frösteln ließ. Auf dem Holzsteg standen Männer, die so taten, als gehörten sie zum Personal: dunkle Hemden, Jeans, Sonnenbrillen, die Hände zu locker in den Taschen, um wirklich entspannt zu sein.
Keiner sagte etwas. Kein Wort, keine Frage. Nur diese Blicke, die zu lange hielten, zu tief gingen, als wollten sie prüfen, was in ihr vorging. Dina senkte den Kopf leicht, tat so, als suchte sie etwas in ihrer Tasche und ging weiter. Die Schritte der Männer blieben hinter ihr. Kein Laut, nur das schwere Atmen der Stille.
Im Resort herrschte Betrieb, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Die Lobby war erfüllt von Stimmen, die sich gedämpft überlagerten. Englisch, Mandarin, Bahasa. Männer und Frauen im Business Anzug, Aktentaschen, Telefone, hastige Gespräche in leiser Tonlage. Gäste reisten ab. Männer und Frauen im Anzug reisten an. Das war kein Ferienresort mehr - das war ein Hauptquartier.
Überall Bewegung und doch keine Hektik.
Eher ein zielgerichtetes Strömen, als hätte jemand die Richtung geändert und jetzt folgte der Fluss seinem neuen Lauf.
Dina blieb kurz stehen, versuchte, die Ordnung in diesem Durcheinander zu begreifen. Nichts daran erinnerte an ihren gewohnten Alltag. Kein Lächeln der Rezeptionistin, kein Begrüßungsduft von Jasmin in der Luft. Nur klimatisierte Stille und die Spannung von etwas, das gerade erst begonnen hatte.
Sie trat einen Schritt zur Seite, unsicher, ob sie hier überhaupt noch arbeiten oder einfach nur stören sollte. Da sah sie endlich ein vertrautes Gesicht zwischen all den Fremden. Sari, eine der Wahlhelferinnen von Cahaya Baru. Ihre weiße Bluse war leicht zerknittert, ihr Haar vom Wind zerzaust, doch ihr Lächeln blieb warm.
„Dina!“ Sie kam auf sie zu, legte kurz eine Hand auf ihren Arm. „Gut, dass du da bist.“
„Was ist hier los?“ fragte Dina leise.
Sari zögerte, ihr Blick huschte über die Männer und Frauen in der Lobby. „Ich weiß es nicht genau,“ flüsterte sie. „Aber Madam Mei… sie erwartet dich. Jetzt gleich.“
Dina nickte. Ihr Herz klopfte zu schnell, zu laut.
Sie folgte Sari durch die Halle, vorbei an fremden Stimmen, glänzenden Schuhen, starren Gesichtern. Und während sie ging, spürte sie, dass sich die Insel noch ein Stück weiter verschoben hatte. Etwas war aus dem Gleichgewicht geraten. Und sie war mitten darin.
Der Raum war still, nur das ferne Summen der Klimaanlage füllte die Stille mit einem fast unhörbaren Zittern. Ein schmaler Streifen Sonne fiel durch das halbgeöffnete Rollo und brach sich auf dem glänzenden Holztisch. Draußen sang das Meer in seiner gleichgültigen Ruhe aber hier drinnen stand die Luft still.
Dina und Mei-Li saßen einander gegenüber. Zwischen ihnen zwei Tassen unberührten Tees, desen Oberfläche längst kühl geworden war. Mei-Li sah müde aus, die Schultern leicht gesenkt, die Stimme leise, als sie zu sprechen begann.
„Huifen ist schwer erkrankt,“ sagte sie.
Keine Einleitung, kein Versuch, die Nachricht abzufedern. „Heute Morgen ist ein Helikopter gelandet. Regierungsärzte. Sie sind jetzt bei ihr.“
Dina sah auf, ihr Atem blieb kurz hängen.
„Was sagen die Ärzte?“
Mei-Li schüttelte den Kopf. „Nichts. Nur das Übliche. Überlastung. Das ist die offizielle Version. Aber…“
Sie brach ab, suchte kurz nach den richtigen Worten. „Es ist schlimmer. Einer unserer Leute hat mit jemandem vom medizinischen Team gesprochen. Sie darf kaum gestört werden. Niemand weiß, wann oder ob sie sich erholt.“
Dina legte die Hände um ihre Tasse, obwohl der Tee längst kalt war.
„Und wer übernimmt…die Führung?“
„Normalerweise wäre das der Vizepräsident….also Mingtian,“ antwortete Mei-Li.
Ein kurzer, schmerzhafter Moment zwischen ihnen.
„Aber er liegt immer noch im Koma. Hier im Resort. Das Sindikasi hat die Führung auf Ibu Tanah an sich gerissen. Die Übergangsregierung unter der Leitung von Lianhua, der Schwester von Mingtian, will ihn nach Ibu Tanah verlegen lassen. Offiziell, um ihn besser zu versorgen.“
Dina sah zu Boden. Ihr Herz zog sich zusammen.
„Das darfst du nicht zulassen,“ sagte sie leise.
Mei-Li nickte. „Ich weiß. Huifen - seine Mutter - wollte, dass er hier bleibt. In Sicherheit. Ich werde das nicht ändern. Nicht jetzt.“
Sie schwieg, drehte den Teelöffel zwischen den Fingern, als müsste sie eine Entscheidung umrühren.
„Tika hat kommissarisch die Leitung vor Ort übernommen,“ sagte sie schließlich. „Sie war ja schon immer Huifens rechte Hand. Aber ich weiß nicht, wem sie gerade wirklich dient.“
Dina hob den Blick. Tika war die rechte Hand von Huifen? Warum war ihr das entgangen? Dina schluckte kurz und blickte wieder zu Mei-Li. In deren Gesicht lag keine Angst, nur eine klare, müde Entschlossenheit.
„Es wird unruhig werden,“ sagte sie. „Cahaya ist wie ein Tier, das spürt, wenn das Rudel schwächer wird.“
Dina nickte langsam. Draußen rauschte der Wind gegen die Fensterscheibe, als hätte er etwas mitzuhören. In ihr mischten sich Mitgefühl und Sorge, aber auch etwas anderes. Ein stilles, warmes Gefühl der Nähe zu Mei-Li.
Die Insel veränderte sich gerade, das spürte sie deutlich.
Und sie fürchtete, dass dies erst der Anfang war.
„Wie soll es denn jetzt weitergehen?“ fragte Dina leise. Ihre Stimme klang in der kühlen Luft des Raums unsicher, fast tastend. „Morgen ist die Wahl.“
Mei-Li sah sie an, einen Moment lang schweigend, als würde sie ihre Worte abwägen, bevor sie sie freigab. „Die Umfragen sind gut,“ sagte sie schließlich. „Sehr gut sogar. Wenn sich nichts ändert, werden wir morgen gewinnen.“
Sie legte die Hände auf den Tisch, flach, ruhig. „Aber genau das ist das Problem. Huifens Lager wird alles tun, um das zu verhindern. Und jetzt, da sie krank ist, ist der Druck noch größer. Die Wahl kann eigentlich nicht einfach ausgesetzt werden, außer es wird der nationale Notstand erklärt.“
Dina nickte langsam. Sie hörte die Sätze, aber zwischen den Worten spürte sie etwas anderes. Unsicherheit. Gefahr.
Mei-Li sah aus dem Fenster, wo das Meer sich in blassen Streifen spiegelte. „Ich kann nicht nach Ibu Tanah,“ sagte sie leise. „Nicht jetzt. Zu riskant. Sie beobachten mich. Jede Bewegung. Jedes Wort. Aber du…“
Dina hob den Blick.
„Du könntest es,“ sagte Mei-Li. „Du kennst Tika. Du könntest herausfinden, was geplant ist. Wie sie mit der Wahl umgehen wollen. Und du könntest versuchen, mit ihr über Mingtian zu sprechen und mir dann telefonisch berichten.“
„Sprechen … über Mingtian?“
Mei-Li nickte. „Ich will nicht, dass sie ihn verlegen. Nicht jetzt, nicht dorthin. Sie sagen, es wäre sicherer, aber wir wissen beide, was das bedeutet. In Ibu Tanah verschwindet, was unbequem ist. Hier… hier ist er wenigstens sichtbar. Im feindlichen Lager, ja. Aber sichtbar.“
Dina schwieg. Der Gedanke, zu Tika zu gehen, ließ ihr Herz schneller schlagen. Nicht aus Angst, sondern aus dieser merkwürdigen Mischung aus Pflicht und Zweifel.
„Du hast Einfluss,“ sagte Mei-Li sanft. „Mehr, als du glaubst. Tika vertraut dir. Zumindest mehr als mir.“
Dina lächelte schwach, doch ihr Herz krampfte sich zusammen. „Ich weiß nicht, ob Vertrauen auf Cahaya noch etwas bedeutet.“
„Doch,“ sagte Mei-Li, fast flüsternd. „Vertrauen ist das Einzige, was wir noch haben.“
Ein Windstoß fuhr gegen das Fenster, ließ den Vorhang kurz aufflattern.
Dina sah hinaus, auf das Meer, das in der Ferne wie flüssiges Glas glitzerte.
„Ich gehe noch heute zu ihr,“ sagte sie leise.
Mei-Li nickte. „Sei vorsichtig, Dina. Sie wird dich testen.“
Dina atmete tief durch.
Sie wusste, dass dies keine Bitte war, es war eine Aufgabe. Und vielleicht der gefährlichste Weg, den sie bisher gegangen war.
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Ja genau so fühlt sich s an
Wow spannend. Sie hat nicht gewusst welche Rolle Tika spielt? Das macht es ihnen, Mei-Li und Dina, noch schwieriger den Überblick zu behalten.