Inselschatten # 12
Dina braucht Mingtian mehr denn je – und fühlt Hass für den, der ihn verstummen ließ.
Was bisher geschah: Der Wahltag rückt näher und mit ihm die Entscheidung über Cahayas Zukunft. Dina setzt ihre Hoffnung auf Madam Mei, deren Chancen auf einen Sieg beachtlich gut stehen. Zwischen Zuversicht und leiser Sorge blickt sie auf den kommenden Sonntag, wissend und hoffend, dass diese Wahl alles verändern könnte.
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Der Morgen war noch jung, das Licht milchig und weich, wie eine Hand, die sanft über die Welt strich. Dina saß an ihrem kleinen Holztisch, der Kaffee vor ihr dampfend, das Porzellan fein beschlagen vom Dunst der Tropenluft. Draußen zirpten die Zikaden bereits, so als wäre nie Nacht gewesen.
Sie hatte kaum geschlafen. Die Stunden in der Klinik vom Resort hingen ihr nach wie eine sanfte Melancholie, die sich nicht vertreiben ließ. Noch immer sah sie ihn vor sich - Mingtian, ruhig und still in seinem Bett, das Gesicht blass, aber friedlich, als würde er nur träumen.
In ihrer Erinnerung sah sie sich neben ihm sitzen, den Kopf leicht geneigt, die Finger um seine Hand gelegt. Seine Haut war warm, doch schien sie aus einer anderen Welt zu kommen, einer, in die sie nicht folgen konnte. Sie hatte leise gesprochen, fast geflüstert. Worte, die sie selbst überraschten.
Wie sehr sie ihn vermisste.
Wie oft sie in den letzten Monaten seine Stimme gesucht hatte, in den Stimmen anderer.
Wie sehr sie sich wünschte, er wäre jetzt hier bei ihr, bei Mei-Li, auf der richtigen Seite dieser unruhigen Insel.
„Du wüsstest, was zu tun ist,“ hatte sie gesagt. „Du würdest mir sagen, wann ich aufhören soll zu zweifeln.“
Sie erinnerte sich an das feine Zittern seiner Wimpern, ein kaum wahrnehmbares Flackern. Vielleicht war es nur Einbildung gewesen. Vielleicht auch nicht.
Für einen Atemzug hatte sie geglaubt, dass er sie gehört hatte. Dass etwas in ihm, tief unten, sie gehört und erkannt hatte.
Dina legte die Hände um ihre Kaffeetasse, sog den Duft ein. Bitter, stark, ein Stück Realität inmitten all der Gedanken. Draußen war der Himmel schon hell, die Hitze kündigte sich an. Heute würde ein langer Tag werden. Sie nahm einen Schluck, stellte die Tasse ab und sah hinaus auf den Garten, auf das vibrierende Grün, das sich im Licht zu dehnen schien.
Zweite Tasse, zweiter Versuch, die Müdigkeit loszuwerden.
Es war Sonntag - Wahltag.
Und irgendwo, zwischen der Angst und der Erschöpfung, wuchs etwas, das sich wie Zuversicht anfühlte. Ganz leise. Ganz vorsichtig. Wie ein erstes Lächeln nach einer langen Nacht.
Und dann war da wieder dieser andere Gedanke, so unvermittelt, dass sie den Löffel in der Tasse kurz vergaß. Dieses Ziehen tief in der Bauchgegend, das sie schon kannte, aber jedes Mal überraschte, als wäre es neu.
Bang.
Der Name kam leise, fast wie ein Geräusch, das man nur innerlich hört. Sie atmete flach, schloss kurz die Augen.
Sie hasste, dass er noch da war.
Dass er nicht verschwunden war, obwohl sie es so oft versucht hatte.
Er war der Grund, warum Mingtian jetzt so dalag. So still, reglos, irgendwo zwischen Leben und Schweigen. Sie erinnerte sich an die Nacht und die Bilder, die sie nicht selber gesehen hatte, die aber dennoch in ihrer Vorstellung haften geblieben waren. Die Brutalität der Schläge, die Schreie, an die Sirenen, an das Blut und die Wunden, die sich wie eine Schuld in alles eingeschrieben hatte.
Und doch.
Immer, wenn sie hier saß, in dem Haus, das sie zu einem Zuhause gemacht hatte, wenn sie abends im Bett lag, das Fenster offen, der Wind vom Meer hereinwehend, dann war da dieses Bild:
Seine Hand auf ihrer Haut, rau, warm, fest.
Seine Stimme, tief, unsicher und ehrlich.
Diese eine Nacht.
So echt, dass sie manchmal dachte, sie könnte den Geruch seiner Haut noch in der Luft riechen, salzig und süß zugleich.
Es machte sie wütend, dass die Erinnerung sich nicht löschen ließ.
Wütend … und doch auch lebendig.
Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch, vergrub das Gesicht in den Händen.
„Es ist vorbei,“ flüsterte sie. Aber selbst ihr Herz glaubte ihr das nicht ganz.
Draußen fiel ein Streifen Sonne auf den Boden, golden und still und Dina wusste, dass Liebe und Schmerz manchmal dieselbe Farbe hatten. Das Piepen riss sie aus ihren Gedanken. Ein kurzer, heller Ton, der durch die Stille schnitt wie ein Messer. Dina zuckte zusammen, das Herz sofort schneller. Sie griff nach dem Handy, das neben der Kaffeetasse lag, der Bildschirm leuchtete bläulich in der Morgendämmerung.
Eine Nachricht von Mei-Li.
Nur ein Satz.
Komm sofort ins Resort. Es ist etwas passiert. Ausnahmezustand.
Dina starrte auf die Worte, unfähig, sie gleich zu begreifen. Ihr Atem stockte.
Sie las die Nachricht noch einmal, dann noch einmal, so als könnten die Buchstaben ihre Bedeutung ändern, wenn sie sie nur lange genug ansah. Doch sie blieben gleich. Hart. Unverrückbar.
Ein flüchtiger Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Mingtian.
Dann die Kinder.
Oder vielleicht etwas ganz anderes.
Sie stand so abrupt auf, dass der Stuhl hinter ihr leicht kippte. Der Kaffee schwappte über, eine dunkle Spur auf dem Holz, die sie nicht mehr beachtete.
Ein Moment lang stand sie einfach da, barfuß, das Handy noch in der Hand. Das Summen der Zikaden draußen klang plötzlich schrill, beinahe unheimlich. Dann drehte sie sich um, griff nach ihrer Tasche und dem Schlüsselbund. Ihr Herz schlug heftig, unregelmäßig, wie ein Vogel, der sich an einer Glasscheibe stößt.
Draußen wartete der Tag, hell, laut, gnadenlos. Dina ging schnellen Schrittes die Straße hinunter, den Stoff ihrer Tasche an die Brust gepresst, als könne sie sich damit festhalten. Der Morgen war hell, das Licht fast zu grell für diese Stunde und doch schien alles in Ibu Tanah dunkler geworden zu sein. Gedämpfter. Fremd.
Sie kannte diesen Weg gut, den Geruch von gebratenem Reis und Öl, das Lachen der Händler, das Rufen der Kinder. Heute war davon nichts zu hören. Nur das leise Knirschen ihrer Schritte auf dem Sand.
Der Tag vor der Wahl war eigentlich immer still. Kampagnenruhe, wie sie es nannten. Doch diese Stille war anders. Schwer. Wie eine Decke, unter der sich etwas bewegte.
Dina blieb kurz stehen.
Am Straßenrand saßen Männer, die sie noch nie gesehen hatte. Dunkle Hemden, Sonnenbrillen, Zigaretten, die langsam verglühten. Einer hob kurz den Blick, nicht feindlich, aber zu wach, zu genau.
Sie spürte, wie sich ihre Schultern anspannten.
Die Marktstände waren geschlossen, Türen halb verriegelt, Fensterläden nur einen Spalt offen. Hinter manchen Vorhängen regte sich Bewegung, als würden Menschen beobachten, ohne gesehen werden zu wollen. Ein Hund bellte, dann Stille.
Sie ging weiter, schneller nun. Der Wind trug den Geruch von Staub und Diesel heran, vermischt mit etwas Metallischem, das sie nicht einordnen konnte.
Was ist los? dachte sie.
Das hier war nicht nur Wahlruhe. Das war Erwartung, so wie die Luft vor einem Sturm.
Dina sah die Bucht vor sich, das glitzernde Wasser, das sonst so friedlich wirkte. Heute schien es stillzuhalten, als wüsste es, dass etwas geschehen würde.
Sie atmete flach, zwang sich, ruhig zu bleiben.
Irgendetwas stimmte nicht auf dieser Insel.
Und sie fühlte, dass sie es bald erfahren würde.
Am Steg lag das Wassertaxi, schwankend im flachen Takt der Wellen. Normalerweise hätte Dina einfach das Geld hingelegt, den Fahrer gegrüßt, vielleicht ein paar Worte gewechselt. Heute stand da ein Mann, breitbeinig, in Jeans und dunklem Hemd, die Sonnenbrille tief im Gesicht.
Er trat einen Schritt vor, als sie näherkam.
„Stopp,“ sagte er knapp. Keine Aggression, aber dieses ich muss nicht laut werden, um gefährlich zu sein in der Stimme.
Dina blieb stehen, der Wind zerrte an ihren Haaren. Der Fahrer sah kurz weg, als hätte er nichts gehört.
„Ausweis,“ sagte der Mann tonlos.
Sie griff in ihre Tasche, zog das kleine, abgegriffene Portemonnaie hervor und reichte ihm ihr Dokument. Er hielt es einen Moment zu lange, die Augen hinter der verspiegelten Brille still auf sie gerichtet.
„Pulau Cahaya?“ fragte er, ohne es als Frage klingen zu lassen.
„Ja,“ antwortete sie ruhig. „Zum Resort.“
Er ließ den Blick über sie wandern, langsam, prüfend. „Warum?“
Dina holte tief Luft. „Ich arbeite dort. Öffentlichkeitsarbeit. Madam Mei braucht mich.“
Ein kaum merkliches Zucken ging über sein Gesicht. „Heute keine Arbeit,“ sagte er. „Heute still.“
„Nicht für mich,“ entgegnete Dina leise, aber fest.
Eine Weile stand er einfach da, der Wind trug das ferne Klirren von Metall aus dem Hafen herüber. Hinter ihm bewegten sich zwei weitere Männer, ebenfalls in dunklen Hemden, sprachen leise miteinander.
Dann reichte er ihr den Ausweis zurück. „Schnell,“ sagte er. „Und keine Umwege.“
Dina nickte, nahm das Dokument und stieg ins Boot. Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
Als das Wassertaxi ablegte, sah sie die Männer am Steg kleiner werden. Einer von ihnen blickte ihr nach, die Hand an der Hüfte, wo unter dem Hemd etwas Dunkles aufblitzte.
Dina drehte sich zum Meer, ließ den Blick auf das Wasser fallen, das in der Sonne glitzerte, als wüsste es nichts von dem, was sich an Land zusammenzog.
Sie spürte es jetzt deutlich: Die Insel hielt den Atem an.
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