Inselschatten # 11
Dina und Bang kämpfen für Veränderung - und gegen das, was sie verbindet.
Was bisher geschah: Auf Cahaya zeigt sich die dunkle Seite der Insel: Illegale Goldtransporte, Korruption und ein dichtes Netz aus Macht und Intrigen bestimmen die Geschicke hinter der glänzenden Fassade. Als Dina beschließt, sich dem Kampf für eine bessere Zukunft anzuschließen, gerät sie zwischen rivalisierende Lager und gefährliche Loyalitäten. Mit jeder Entscheidung wächst das Risiko, für die Insel und für ihr eigenes Leben.
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Das kleine Boot glitt lautlos über das dunkle Wasser, als hätte die Nacht selbst es aufgenommen. Dina saß still auf der Holzbank, die Knie aneinandergelegt, den Blick nach Westen, wo die Lichter von Ibu Tanah wie verstreute Sterne über dem Meer schwebten. Der Wind trug den fernen Lärm der Stadt herüber - Musik, Hupen, Rufe -, doch hier draußen löste sich alles in ein gleichmäßiges Rauschen auf. Ein Rauschen, das Herz und Gedanken beruhigte.
Sie hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, an dieses frühe Versinken der Sonne, das Cahaya jeden Abend in Gold und dann in Schwarz tauchte. Früher hatte sie das bedrückt, jetzt mochte sie die Stunden nach Sonnenuntergang - sie gehörten niemandem, sie waren still und ruhig.
Dina ließ die letzten Tage an sich vorbeiziehen wie kleine, helle Bilder:
die bunten Fahnen, die Kinder auf den Mopeds, der Geruch von gebratenem Reis an den Marktständen, das Lachen der Frauen, die Wasserflaschen verteilten;
und dann Mei-Li unter den Mangobäumen, schlicht gekleidet, mit dieser klaren, warmen Stimme, die etwas in Bewegung setzte, das man nicht sehen, nur fühlen konnte.
Huifens Gold hatte überall geglänzt - in den Bannern, den Gesichtern, den Taschen der Männer. Doch das Sonnengelb von Cahaya Baru war anders. Es leuchtete still. Wie Morgendämmerung. Wie ein Versprechen, dass Licht auch leise sein kann.
Dina dachte an die Menschen, die sie in diesen Tagen getroffen hatte. Die alten Frauen mit ihren müden Händen, die Jungen, die lachten und trotzdem Angst hatten.
Und sie dachte an Mei-Li, die ruhig geblieben war, während um sie herum alles schneller und lauter wurde.
„Kein Kind soll krank werden, weil wir Erwachsene zu lange geschwiegen haben“ - dieser Satz klang in ihr nach, wie eine Melodie, die man nicht mehr loswird.
Noch zwei Tage bis zur Wahl.
Zwei Tage, in denen sich entscheiden würde, wem diese Insel wirklich gehörte: denen, die sie ausbluteten - oder denen, die sie liebten und beschützen wollten.
Dina legte die Hand auf ihr Lederband, spürte den kühlen Anhänger auf ihrer Haut.
Das Meer glitzerte unter dem Mond, als würde es selbst zuhören.
„Es wird gut,“ flüsterte sie. Nicht laut, nicht fordernd sondern einfach so …. einfach so im Stillen zu sich, so als hätte sie es endlich geglaubt.
Vor ihr lag Pulau Cahaya, dunkel und friedlich im Abendlicht.
Und für einen Moment war es, als würde die Insel selbst leise atmen, wie jemand, der sich gerade daran erinnert, dass Hoffnung wieder möglich ist.
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Der Kutter lief schwer, doch nicht träge über das offene Meer, das Wasser schwarz und endlos unter einem Himmel, der nur noch in Resten glühte. Jeder Schlag der Wellen vibrierte durch den Rumpf, die Schrauben fraßen sich gleichmäßig in die Strömung. Der alte Kutter war umgebaut mit zwei Schiffsdieselmotoren aus Surabaya, einem verstärkter Rumpf und dafür kaum Schlafplatz. Er fraß Treibstoff wie ein Monster, aber er würde Bang so rasch als möglich von Dowon bis vor die Südküste von Cahaya bringen. Der Geruch von Salz, Diesel und Eisen lag in der Luft. Bang saß auf einer Holzkiste an Deck, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Blick auf den schmalen Streifen von Licht am Horizont gerichtet. Das war Cahaya, irgendwo da draußen, eine Silhouette aus Erinnerung und Ziel.
Der Motor brummte gleichmäßig, die See war ruhig. Ein seltener, gnädiger Abend.
Hinter ihm im schwachen Lampenschein beugte sich Reh, einer seiner Männer, über eine Seekarte. „Kurs passt“, murmelte er. „Wind aus Nordost. Wenn alles gut läuft, sind wir morgen Nachmittag da.“
Bang nickte, antwortete nicht gleich. Er hatte diese Route in den letzten Tagen tausendmal im Kopf abgefahren. Vom Hafen in Dowon hinaus in die südlichen Gewässer, durch die schmale Passage an den Patrouillen vorbei, dann entlang der alten Schmugglerlinie seines Vaters bis zum grossen Fischereihafen von Muncar. Dort hatten sie Diesel aus zwei rostigen Fässern hinter dem Kai gebunkert, schnelles auftanken und dann ging es auch schon wieder weiter. Kein GPS, kein Signal, kein Fehler erlaubt. Bang wollte die Überfahrt in knapp über einem Tag schaffen - zwei Männer an Bord, der Motor heulte ohne Pause und das Wasser roch nach Metall.
Er und Eric hatten die Crew zusammengestellt, Proviant und Treibstoff organisiert, die Kommunikationsgeräte geprüft, Funkfrequenzen abgestimmt, Notfallrouten markiert. Das Boot selbst hatten sie in einer verlassenen Werft aufarbeiten lassen. Die Farbe stumpf, der Rumpf unauffällig, das Innere vollgestopft mit Kisten, Dokumenten, Kameras, medizinischem Material. Alles, was sie brauchten, um Beweise zu sammeln und zu verschwinden, bevor jemand merkte, dass sie da gewesen waren.
Die Woche war ein Wirbel aus Papier, Stimmen und Nächten ohne Schlaf gewesen. Jede Vereinbarung, jedes besorgte Werkzeug, jedes verschlüsselte Gespräch, ein Zahnrad in einer Maschine, die nur laufen konnte, wenn niemand hinsah.
Jetzt lief sie. Endlich.
Bang zog eine Zigarette aus der Brusttasche, drehte sie zwischen den Fingern, zündete sie nicht an. Er dachte an das, was vor ihnen lag: der Dschungel, die Hitze, der lange und anstrengende Fussmarsch bis zu den Minen. Die Menschen, die dort arbeiteten und denen sie auf keinem Fall begegnen wollten.
Und an Dina – ihren Namen sagte er nicht laut, aber er lag in der Luft, süß und scharf wie Rauch.
Reh richtete sich auf, trat neben ihn. Gemeinsam blickten sie hinaus auf das Meer, das unter dem Mond schimmerte wie flüssiges Metall.
„Schön, oder?“ sagte Reh leise.
Bang nickte. „Ja. Und trügerisch.“
Er wusste, dass sie auf einem schmalen Grat segelten. Zwischen Wahrheit und Tod. Zwischen Aufbruch und Ende. Aber er spürte auch etwas anderes, das er lange nicht mehr gefühlt hatte: dieses leise Ziehen in der Brust, das nach Abenteuer roch.
„Morgen früh,“ sagte er, mehr zu sich als zu Reh, „sehen wir Cahaya.“
Der Wind nahm zu, das Wasser schlug leise gegen den Bug.
Bang sah dem Glitzern nach, das auf den Wellen tanzte, und dachte: Diesmal verschwinde ich nicht. Diesmal bleibe ich, bis es zu Ende ist.
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