Insellicht # 23
Als Bangs unterdrückte Wut explodiert, zerbricht in einem einzigen Moment mehr als nur Vertrauen.
Was bisher geschah:
Dina erfährt, dass Bang der Sohn von Victor ist — eine Wahrheit, die sie unvorbereitet trifft und alles in ein neues, schmerzhaftes Licht rückt. Warum hat Bang ihr diese Verbindung verschwiegen, was verbirgt er noch, und weshalb zieht er sich nun vollkommen zurück? Seine Stille wird für Dina zur lautesten aller Antworten.
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Plötzlich ein Geräusch von einer Tür, schwere Schritte hallten durch den Flur. Bang zog sich instinktiv zurück von den Gitterstäben. Eric tat es ihm gleich. Aus dem Halbdunkel tauchte ein bulliger Mann in Uniform auf – ein einheimischer Polizeibeamter mit verschlagenem Blick und zerfurchter Stirn. In der Hand ein Blechtablett, in der anderen zwei abgewetzte Tonkrüge.
Mit rauer Stimme, in gebrochenem Englisch, knurrte er:
„No talk. No speak. Understand? Here – no talking!“
Er ließ den Blick zwischen den beiden Männern hin und her wandern. Die Geste, mit der er sich die Handkante an die Kehle legte, war eindeutig. Reden hatte Konsequenzen. Bang schluckte. Sein Nacken schmerzte vom langen Liegen, sein Körper pulsierte vor Wut und Schwäche. Aber er sagte kein Wort. Nur ein Blick zu Eric – und er sah den Ausdruck in dessen Augen.
Der Typ meinte das ernst.
Der Polizist bellte ein weiteres Kommando:
„Sit. Now.“
Bang und Eric setzen sich – wortlos, stumm. Fügsam.
Der Beamte schob das alte Essen mit dem Fuß zur Seite und stellte das neue auf den Boden – ein Klumpen Reis, etwas undefinierbares Gemüse, ein lauwarmer Krug Wasser. Dann spuckte er auf den Boden, dicht an Bangs Gitter. Auf Indonesisch zischte er:
„Tikus Eropa sialan…“
Bang verstand natürlich was er sagte; dreckige europäische Ratten.
Mit einem letzten, verächtlichen Blick drehte er sich um zur Zelle von Eric. Er stellte dort das Essen und den Tonkrug ab und stapfte davon. Wenig später fiel eine schwere Stahltür ins Schloss. Das metallene Krachen hallte lange nach – dumpf, endgültig.
Bang blieb reglos sitzen.
Der Gestank. Die Hitze. Die Enge.
Und die Frage:
Was zur Hölle geht hier wirklich vor auf Cahaya?
Bang spürte, wie sein Puls raste. Jeder Muskel in seinem geschundenen Körper spannte sich an, als würde er gleich explodieren. Die Erinnerung war scharf wie ein Messer. Dina, wie sie Mingtian anlächelte. Wie sie seine Hand hielt. Wie sie ihn umarmte – zärtlich, vertraut, als gehöre ihr Herz längst nicht mehr Bang, sondern diesen aalglatten Inselheiligen …. oder hatte ihr Herz ihm vielleicht nie gehört. War er auf eine Honigfalle reingefallen?
Die Erinnerung kam zurück und auch die Wut - wie eine Welle schwappte beides über ihn.
Dina!
Dina und Mingtian!
Bang ballt die Faust. Ja, so war es gewesen. Jetzt war es wieder da.
Er sah sich wutentbrannt zum Laden von Mingtian marschieren und im Versteck hinter dem Toilettenhaus warten, bis Mingtian vom Treffen mit Dina zurückkam. Es dauerte nicht lange und da war er auch schon. Natürlich. Überpünktlich. Diese Schlange. Mingtian ging in seinen Laden. Kurz darauf kam seine junge Verkäuferin heraus, verabschiedete sich in der offenen Tür und verschwand in Richtung Wohnviertel. Es war still.
In Bang nicht. Da brüllte seine Wut.
Er sah sich selbst, wie er aus dem Versteck trat. Keine Gnade, kein Zögern mehr. Der Laden von Mingtian vor ihm, hell erleuchtet, makellos wie sein Besitzer. Und doch – Bang wusste, hinter der Fassade lag etwas Dunkles. Etwas, das zu lange verborgen geblieben war. Er würde es ans Licht ziehen - koste es, was es wolle.
Er betrat den Laden. Mingtian stand mit dem Rücken zu ihm, scheinbar entspannt am Fenster. Und dann, ohne sich umzudrehen, sagt er ruhig:
„Hallo Bambi. Freut mich sehr, dich endlich kennenzulernen.“
Bangs Herz setzte einen Schlag aus.
Bambi.
Niemand hatte ihn mehr so genannt, seit… seit Victor…. seit er ein Kind war.
Bang knirscht mit den Zähnen, blieb stumm. Kein Gruß. Kein Händeschütteln. Nur blanke, brodelnde Wut.
„Hör zu, Mingtian. Du brauchst mir nichts vorzuspielen. Ich weiß genau, was hier läuft.“
Seine Stimme zitterte, nicht vor Angst, sondern vor Zorn.
Mingtian drehte sich langsam um, vollkommen ruhig.
„Wirklich?“
Ein leises Lächeln spielte um Mingtians Lippen. Unschuldig. Oder überheblich?
„Dann erklär es mir doch gerne. Ich bin gespannt.“
Bang kochte innerlich. Mist! Wo hatte er sich da reingeritten? Was war sein Plan?
Er wusste doch gar nichts.
Nur, dass etwas faul war auf Cahaya. Dass Victor verschwunden war. Dass Mingtian zu viel wusste, zu viel Einfluss hatte – und zu nah an Dina dran war.
Aber harte Fakten? Beweise?
Nichts. Nur Gefühle. Nur Misstrauen. Nur Wut.
Und das reichte nicht. Noch nicht.
Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Bang blieb stehen, schwieg. Sein Blick brannte sich in Mingtian.
Bang musste jetzt improvisieren.
Aber jede Faser in ihm schrie nur eins: „Lügner.“
„Ich weiß von deinen illegalen Geschäften. Ich habe Beweise und gute Kontakte zur Polizei in Dowon. Ich werde dir und deiner Truppe das Handwerk legen.“
Mingtian blieb ruhig, seine Miene - gespielte Anteilnahme:“ Bambi - Bang, hör zu. Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Finde es sehr schade, dass du so von mir denkst. Wir sind doch wie Brüder. Victor, er war wie ein Vater zu mir…“ das war zuviel, Bang konnte sich nicht mehr zurückhalten. Mit einem Satz war er bei Bang, packte ihn am Hemd und riss ihn zu sich. „ Pass auf du falsche Schlange. Ja? Victor war wie dein Vater? Warum ist er dann tot? Du lügst doch, du Schwein. Du sagst mir jetzt die Wahrheit…oder ich prügle sie aus dir raus.“ Mingtian wand sich aus dem harten Griff von Bang und rannte zur Ladentür. Bang setzte ihm blitzschnell hinterher.
Draußen empfing sie die flirrende Hitze des späten Nachmittags, gleißend und gnadenlos wie Bangs Wut. Die Gassen vor dem Laden lagen verlassen in der schweren Stille, nur das Rauschen des Meeres in der Ferne war zu hören – und Mingtians hastige Schritte.
Bang holte ihn in wenigen Sätzen ein. Ohne zu zögern riss er ihn an der Schulter herum, presste ihn gegen die Hauswand. „Du lügst!“ brüllt er, seine Stimme heiser vor Anstrengung und Zorn. „Was habt ihr mit Victor gemacht, huh? Wer hat ihn verschwinden lassen? Warst du das?“
Mingtian hob schützend die Arme, seine Augen weit, aber nicht panisch. „Bang, bitte… du machst einen grossen Fehler!“
Doch Bang hörte längst nicht mehr zu. Die letzten Tage, das Misstrauen, die Ohnmacht – alles entlud sich jetzt in seinen Fäusten. Er schlug zu. Einmal. Noch einmal.
Mingtian schrie um Hilfe. Türen klapperten, irgendwo rief jemand.
Aber Bang war blind. Blind vor Schmerz, vor Enttäuschung. Es war, als ob er Mingtian alles entgegen schleudert, was er nie sagen konnte. Über Victor. Über Dina. Über Cahaya. Er schlug und prügelte auf Mingtian ein….
…dann plötzlich – ein harter Schlag. Irgendwo hinter ihm.
Blitz.
Schmerz.
Schwärze.
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