Inselkinder # 6
Tian und Victor finden die Wahrheit – doch der Preis ist höher, als sie ahnen
Was bisher geschah: Auf der Suche nach Antworten über Tians Herkunft stoßen Victor und Tian überall auf Schweigen. Niemand scheint bereit zu sein, über die Vergangenheit Cahayas oder über Tika Sharif zu sprechen. Während eines heißen Nachmittags am Strand von Ibu Tanah fassen die beiden schließlich einen Entschluss: Wenn ihnen niemand die Wahrheit erzählen will, müssen sie selbst nach ihr suchen. Ihr Plan führt sie an einen Ort, an dem die Geschichte Cahayas seit Jahrzehnten bewahrt wird und an dem Antworten auf sie warten, die ihr Leben für immer verändern werden.
Es war kurz nach Sonnenuntergang in Ibu Tanah.
Die letzten Spuren des Tageslichts lagen wie ein matter Streifen über den Dächern der Stadt, während sich die Gassen bereits in Dunkelheit hüllten. Die Luft war noch warm, doch die Hitze des Tages wich einer gedämpften, beinahe gespannten Ruhe.
Victor und Tian standen am Hintereingang des Stadtarchivs.
Victor sah sich nervös um. Jeder Schatten an der Betonwand schien sich zu bewegen, jedes ferne Geräusch klang verdächtig. Sein Herz schlug schneller, als ihm lieb war. Tian hingegen wirkte ganz ruhig und routiniert. Er stand dicht vor der Stahltür, den Schlüsselbund in der Hand, und prüfte einen Zylinderschlüssel nach dem anderen. Metall klirrte leise. Einer passte nicht. Der nächste ließ sich nicht drehen. Tian verzog keine Miene, suchte nur weiter, konzentriert und gelassen, als gehöre selbst dieses Warten zum Plan. Victor schluckte und warf einen Blick über die Schulter. Jeder vergehende Moment fühlte sich an wie eine Einladung, erwischt zu werden.
„Mann, wie lange soll das noch dauern“, zischte Victor.
„Sch… sei leise“, flüsterte Tian genervt, ohne aufzusehen.
Ein leises Klicken.
Der Schlüssel passte. Ohne ein weiteres Wort drückte Tian die Tür vorsichtig auf. Sie huschten hindurch, und kaum waren sie im Inneren, fiel sie hinter ihnen leise ins Schloss. Vor ihnen erstreckte sich ein langer, dunkler Gang. Türen reihten sich aneinander, gleichförmig, verschlossen, stumm.
„Tian, ich hoffe, du weißt, wo wir hinmüssen“, flüsterte Victor.
Tian warf ihm einen kurzen Blick zu. „Hey Bro, was denkst du von mir?“
Victor zuckte mit den Schultern.
Tian knuffte ihn leicht in die Seite. „Komm mit und sei endlich leise.“
Sie schlichen den Gang entlang, ihre Schritte gedämpft vom Teppichboden. Durch eine Tür gelangten sie ins Treppenhaus. Ein Stockwerk tiefer wurde die Luft kühler, dichter. Wieder ein Gang. Wieder Türen. Victor hatte längst die Orientierung verloren. Die Gänge schienen sich zu gleichen, die Dunkelheit machte alles gleichförmig. Er vertraute darauf, dass Tian wusste, was er tat. Plötzlich blieb Tian stehen.
„Hier muss es sein.“
Er suchte den passenden Schlüssel, fand ihn schneller als zuvor. Ein leises Klicken. Die Tür öffnete sich. Tian griff nach dem Lichtschalter.
Victor zuckte zusammen. „Bist du verrückt?“
„Keine Fenster“, sagte Tian ruhig. „Niemand sieht das.“
Das Neonlicht flackerte kurz auf und tauchte den Raum in ein blasses, sachliches Weiß. Sie schlossen die Tür hinter sich. Vor ihnen lagen endlose Reihen von Regalen. Ordner, Kisten, Akten. Alles akkurat sortiert, nummeriert, archiviert.
„Tian, wie in Dreiteufelsnamen sollen wir hier etwas finden?“
„Das ist doch total einfach“, murmelte Tian. „Alles ist markiert. Ich habe hier in den Ferien mal geholfen, ein paar Sachen zu sortieren. Damals wusste ich noch nicht, was ich heute weiß.“ Ein kurzer, dunkler Blick. „Aber das System kenne ich.“
Er ging zielsicher zu einem Regal, zog einen Ordner heraus und reichte ihn Victor.
„Ich gebe dir die Ordner. Du legst sie da drüben auf den Tisch. Dann sehen wir sie uns in Ruhe an. Okay?“
„Ja, alles klar“, antwortete Victor, etwas genervt.
Es war typisch Tian. Dieses eine Jahr älter. Immer spielte er den Anführer und Victor durfte die helfende Hand sein.
Sie arbeiteten sich durch die Akten. Zeit verlor hier unten ihre Bedeutung. Victors Handy hatte keinen Empfang. Nur das leise Rascheln von Papier, das Umblättern vergilbter Seiten und das monotone Surren der Lampen begleiteten sie.
Was sie fanden, ließ ihnen das Blut in den Adern stocken.
Dass es damals Unruhen auf Cahaya gegeben hatte, davon hatten sie gehört.
Doch die Dokumente erzählten von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Von Straßenschlachten. Von Brandanschlägen. Vom offenen Kampf zwischen dem Sindikasi von Jan Juan und der Kooperativa gegen die Triaden.
Eine Präsidentschaftskandidatin – Madam Mei – hatte damals ernsthaft Huifen Zhang herausgefordert. Dann, kurz vor dem Wahlabend, die plötzliche Krankheit Huifens. Das politische Vakuum hatte die Insel in Chaos gestürzt. Mingtian war zu jener Zeit Vizepräsident gewesen, hatte aber selbst im Koma gelegen, in der Tempelanlage auf Pulau Cahaya. Als sich die Lage zuspitzte, war er wie durch ein Wunder erwacht. Zurückgekehrt nach Ibu Tanah. Die Kooperativa hatte sich ihm angeschlossen. Das Sindikasi hatte sich nach Dowon zurückgezogen.
Victor las, Seite um Seite.
Und dann stießen sie auf Tika.
Die Berichte und Zeitungsartikel waren nüchtern formuliert.
Doch der Inhalt traf sie wie ein Schlag.
Tika Shafira – verantwortlich für den Mord an Huifen Zhang.
Mit einem Schlägertrupp hatte sie nach Pulau Cahaya übergesetzt. Hatte versucht, Mingtian zu töten. Madam Mei hatte eingegriffen und war selbst getötet worden. Ebenso Bang Saputra.
Victors Vater.
Ein Moment der Stille legte sich über den Raum.
Schwer. Undurchdringlich.
Tian saß reglos auf seinem Hocker. Sein Blick war leer, auf die Unterlagen gerichtet, als würden die Worte sich noch immer in sein Bewusstsein brennen.
Victor stand wortlos auf.
Ordner für Ordner brachte er zurück an ihren Platz. Bewegungen, die Halt gaben. Struktur in einem Moment, der jede Ordnung verloren hatte.
Als er fertig war, setzte er sich neben Tian.
Tians Hand lag auf dem Tisch.
Sie war kalt. Und sie zitterte leicht.
Victor nahm sie. Drückte sie fest.
„Tian“, sagte er ruhig. „Das ist nicht deine Schuld. Du hast damit nichts zu tun. Und zwischen uns ändert sich dadurch überhaupt nichts. Mein Vater ist tot. Ich kannte ihn nicht. Das ist alles lange her. Lass es ruhen. Okay?“
Keine Reaktion.
„Lass uns nach vorne sehen“, fuhr Victor leise fort. „Unsere Zukunft planen. Tian. Bitte. Sag etwas.“
Tian hob langsam den Blick.
„Ich will, dass du niemandem von dem erzählst, was wir jetzt wissen. Vor allem nicht Kirana. Versprochen.“
„Klar“, sagte Victor. „Versprochen.“
Ein kurzer Atemzug.
„Wir müssen nach Teluk Awan.“
Victor blinzelte. „Was? Wohin willst du? Warum?“
„Teluk Awan. An der Südküste von Cahaya. Der Bruder von Tika - Rafi Shafira - lebt dort.“
Victor starrte ihn an. „Woher weißt du das?“
„Ich habe es in den Akten gefunden“, sagte Tian leise. „Als ich schon einmal hier war. Ohne dich.“
Victors Stimme bebte. „Du warst schon mal hier?“
„Nicht in diesem Raum. Das wusste ich erst seit kurzem.“ Er senkte den Blick. „Ich war in dem Zimmer mit dem Einwohnermelderegister. Ich habe nach Informationen über Tika gesucht. Alles, was ich fand, war ihr Tod. Der Tod ihrer Eltern. Und dass ihr Bruder vor einiger Zeit nach Teluk Awan gezogen ist.“
Stille.
Victor atmete tief durch. Seine Stimme war wieder gefasst, als er sprach.
„Also gut, Tian. Ich komme mit dir. Und ich glaube, ich weiß auch schon, wie wir dorthinkommen.“
Für einen Moment brach etwas in Tians Gesicht auf. Erleichterung, vielleicht auch Dankbarkeit.
Er zog Victor in eine feste, brüderliche Umarmung.
Victor spürte die Wärme seines Körpers. Den vertrauten Duft nach Salz und Sonne. Die Nähe, die für einen Herzschlag alles andere auslöschte.
Es war nur ein kleiner Moment.
Doch er genügte.
Alles Misstrauen, alle Zweifel schmolzen dahin, wie Wassertropfen in der gleißenden Sonne von Ibu Tanah
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Wenn du mit die Trilogie von vorne starten möchtest dann geht es hier zum Prolog Folge von Insellicht
Wenn du Insellicht schon kennst, dann geht es hier zum zweiten Teil Inselschatten



wenn ich das Bild dazu sehe hab ich das Gefühl die beiden werden gleich sehr intim XD
Aber schade, das ist leider nicht zu erwarten XD