Inselkinder # 4
Zwischen Schweigen und Schatten suchen Victor und Tian nach der Wahrheit.
Was bisher geschah: Tian offenbart Victor ein bedrückendes Geheimnis: Er hat herausgefunden, dass Lianhua und Jan Juan nicht seine leiblichen Eltern sind. Auf der Suche nach Antworten öffnete Tian heimlich den Tresor seiner Eltern und begann auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Schritt für Schritt setzte er die Bruchstücke seiner Vergangenheit zusammen, bis er schließlich auf den Namen seiner leiblichen Mutter stieß. Tika Sharif. Erschüttert von dieser Entdeckung beschließen Tian und Victor, mehr über Tika und die Ereignisse jener Zeit herauszufinden. Da Dina, die Mutter von Victor, sie persönlich gekannt hat, wollen sie sie vorsichtig über die Vergangenheit ausfragen, ohne zu verraten, was Tian inzwischen entdeckt hat. Doch manche Wahrheiten liegen nicht ohne Grund verborgen.
Eine Stunde war vergangen, seit die Sonne hinter den Hügeln verschwunden war.
Die Nacht hatte sich lautlos über die Plantage gelegt. Der Himmel spannte sich klar und sternenreich über das Land, fern und doch nah, als könne man ihn mit der Hand berühren. Aus der Dunkelheit drangen die Geräusche der Tiere herüber, ein fernes Zirpen, das leise Rascheln der Palmen. Der Wind strich warm über die Terrasse und trug den Duft von reifer Mango und salzigem Meerwasser mit sich.
Victor, Tian und Dina saßen an dem kleinen Holztisch vor dem Haus.
Vor jedem stand eine leere Espressotasse, das dunkle Porzellan noch warm vom letzten Schluck. In der Mitte des Tisches stand eine Karaffe mit einem alkoholfreien Getränk, halb geleert. Drei Gläser, beschlagen vom kühlen Inhalt, spiegelten das Sternenlicht.
Die Stimmung war entspannt.
Leicht.
Fast heiter.
Dina erzählte von den Anfängen auf der Plantage. Victor hatte das Gespräch behutsam in diese Richtung gelenkt. Er wusste, wie sehr seine Mutter auf das Land stolz war, auf das, was sie aus eigener Kraft geschaffen hatte. Und so erzählte sie träumerisch, ausschweifend und mit jener Wärme in der Stimme, die sie nur dann hatte, wenn sie von früher sprach. Von den ersten Saatreihen, vom mühsamen Ausbau des Hauses, von Nächten voller Zweifel und Tagen voller Hoffnung.
Ihre Worte flossen ruhig durch die Nacht und Victor lauschte, während Tian schweigend daneben saß, aufmerksam, beinahe ehrfürchtig.
Als eine kurze Pause entstand, setzte Victor vorsichtig an.
„Du hattest doch damals eine Freundin“, sagte er so beiläufig wie möglich. „Ganz am Anfang, als du auf die Insel kamst. Tika … hieß sie so?“
Dina stockte.
Die Veränderung war kaum sichtbar, aber sie war da. Ihr Blick hob sich langsam und blieb an ihrem Sohn hängen. Misstrauisch, prüfend. Victor spürte es sofort. Dieses Gefühl, das ihn seit seiner Kindheit begleitete, so als könne sie in seine Gedanken blicken, als wüsste sie immer ein wenig mehr, als das was er preisgab.
Er bemühte sich, dem Blick standzuhalten.
„Warum fragst du?“
„Ach, nur so“, sagte Victor und zwang sich zur Ruhe. „Ihr hat doch das kleine Café gehört. Da, wo heute das Restaurant ist.“
„Nein“, entgegnete Dina ruhig, aber bestimmt. „Das Restaurant ist an einer anderen Stelle.“
Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach.
„Den kleinen Hinterhof mit dem Café gibt es noch. Aber er ist verwahrlost. Kurz nach Tikas Tod musste das Café schließen. Ihre Eltern waren zu alt und ihr Bruder wollte es nicht übernehmen. Er ist nach Dowon gegangen, glaube ich.“
Der Wind strich erneut über die Terrasse. Die Nacht schien näher gerückt zu sein.
„Was war Tika für ein Mensch?“ fragte Victor.
Dina sah ihn an, diesmal offener verstört.
„Victor, warum interessiert dich das?“
Er spürte, wie Tian neben ihm still wurde, beinahe unsichtbar.
„Hör zu“, sagte Dina schließlich leise. „Das ist alles sehr lange her. Und du weißt, ich spreche nicht gern darüber.“
„Ich habe mich nur gefragt …“ Victor suchte nach Worten, die harmlos klangen. „Seit ich denken kann, hattest du keine enge Freundin. Keinen vertrauten Menschen - außer Mingtian. Warum ist das so?“
Dina wandte den Blick zu Tian. Dieser bemühte sich, unbeteiligt zu wirken, als ginge ihn das Gespräch nichts an.
„Victor“, sagte sie langsam, „ich glaube nicht, dass es deinen Freund Tian so sehr interessiert, welche Freunde ich habe.“
Eine kurze Pause entstand.
„Lass uns ein andermal darüber reden.“
Mit diesen Worten stand sie auf. Sie nahm die Tassen, die Karaffe, die Gläser und trug alles in die Küche. Die Terrassentür blieb einen Spalt offen. Klirrendes Porzellan, das Geräusch von Wasser, das in ein Becken lief, ließ darauf schließen, dass Dina das Gespräch für beendet erklärte, ohne ein Wort zu verlieren. Das war typisch für sie.
Victor blieb sitzen.
Er starrte in die Dunkelheit, spürte ein leises Ziehen in der Brust.
Dann sah er zu Tian.
„Tut mir leid“, sagte er gedämpft. „Ich hatte schon befürchtet, dass sie wieder mauert. Sie will einfach nicht sprechen über das, was damals passiert ist. Ich glaube, es hat etwas mit Bang, meinem Vater zu tun. Du weißt ja … auch er ist damals gestorben.“
Tian nickte langsam.
„Ich weiß, Victor. Niemand will sprechen.“ Seine Stimme war ruhig, aber darunter lag Spannung. „Ich habe es auch bei Mingtian versucht, aber auch er blockt ab.“
Er beugte sich etwas näher zu Victor, seine Stimme noch leiser.
„Es muss einen anderen Weg geben. Aber lass uns das nicht hier besprechen.“
Für einen Moment sahen sie sich an.
Kein Lächeln. Keine gespielte Leichtigkeit.
Zwischen ihnen lag ein tiefes Vertrauen.
Ein Einverständnis, das keine Worte brauchte.
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Wenn du mit die Trilogie von vorne starten möchtest dann geht es hier zum Prolog Folge von Insellicht
Wenn du Insellicht schon kennst, dann geht es hier zum zweiten Teil Inselschatten



Hey Snappy, finde dein drittes Buch bis jetzt ebenbürtig zu den anderen Teilen! Ist sehr spannend!
Hoffentlich finden sie Tika