Inselkinder # 3
Tian vertraut Victor ein Geheimnis an, das alles verändert.
Was bisher geschah: Tian und Victor werden für ihren erfolgreichen Schulabschluss mit einem festlichen Gala-Diner geehrt. Victor genießt die Rückkehr nach Cahaya und freut sich darauf, den Sommer gemeinsam mit seinem Jugendfreund Tian auf der Insel zu verbringen. Nach Jahren im Internat liegen endlich wieder unbeschwerte Wochen vor ihnen.
Die Smoothie Bar an der Promenade von Ibu Tanah hatte sich über die Jahre kaum verändert.
Die Theke aus hellem Holz, die großen Fensterfronten mit Blick auf den Strand, der stetige Luftzug vom Meer, das alles wirkte vertraut, beinahe beharrlich. Während sich die Stadt andernorts verdichtet und beschleunigt hatte, war dieser Ort stehen geblieben. Ein Zwischenraum. Ein Platz der auf wundersame Weise das Gestern und Heute vereinte.
Victor und Tian saßen nebeneinander auf hohen Barhockern, direkt am Fenster. Vor ihnen standen zwei große Gläser mit Smoothies, leuchtend in satten Farben, beschlagen von der kühlen Frische. Draußen glitzerte das Meer im Vormittagslicht, sanfte Wellen rollten an den Strand, Stimmen mischten sich mit dem Kreischen der Möwen.
Sie waren die ersten Gäste an diesem Morgen.
Schon ganz früh hatten sie sich mit Kirana am Steg getroffen, hatten sie verabschiedet, hatten zugesehen, wie sie mit ihrer Muttter im Wasserflugzeug verschwand. Familienangelegenheiten in Dowon hatte sie gesagt. Danach waren Victor und Tian ohne viele Worte gemeinsam die Promenade entlang gegangen, wie sie es früher so oft getan hatten, als wäre nichts unterbrochen worden.
Jetzt saßen sie hier.
Und schwiegen.
Victor fühlte sich wohl. Mehr noch: Er fühlte sich leicht. Die Anspannung der letzten Tage, die Ankunft, die Feierlichkeiten, die fremden Blicke und Erwartungen, das alles lag für einen Moment hinter ihm. Dass Tian die kommenden Wochen ebenfalls auf Cahaya verbringen würde, erfüllte ihn mit einer stillen, warmen Freude. Vielleicht, dachte er, könnten sie endlich über die Dinge sprechen, für die im Prüfungsstress nie die Zeit gewesen war. Über ihre Zukunft. Über die Möglichkeiten den Weg weiterhin gemeinsam zu gehen.
Es war nur so, Victor wusste selbst nicht genau, was er wollte. Das einzige, das er wusste war, dass er unbedingt mit Tian zusammen in dieses neue Leben starten wollte, wie auch immer es aussehen sollte.
Seine Mutter wünschte sich, dass er in Dowon studierte, einen klaren, anerkannten Weg einschlug. Aber der Gedanke daran ließ ihn seltsam unberührt. Ein Studium erschien ihm wie ein weiterer Rahmen, ein weiteres System, in das er sich fügen sollte. Er spürte, dass etwas anderes auf ihn wartete, nur wusste er noch nicht was.
Die beiden jungen Männer saßen schweigend nebeneinander, jeder in seinen Gedanken versunken.
Es war Tian, der die Stille schließlich durchbrach.
„Victor – kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“
Victor wandte den Kopf und sah ihn an. Die Frage kam unerwartet.
„Klar“, sagte er ohne Zögern. „Leg los, Tian.“
Tian schluckte. Sein Blick senkte sich kurz auf das Glas vor ihm, dann wieder auf die Hände, die er langsam ineinander legte. Er schien die Worte sorgfältig abzuwägen. Victor spürte sofort die Unruhe seines Freundes. Ein feines Ziehen um seine Mundwinkel, kaum sichtbar, aber deutlich für Victor. Etwas lag ihm auf der Seele. Etwas Schweres.
Was konnte es sein, das Tian ihm anvertrauen wollte?
„Es geht um meine Familie, Victor“, begann Tian langsam. Seine Stimme war leise, kontrolliert, als müsse er jedes Wort erst prüfen. „Ich habe im Haus meiner Eltern Unterlagen gefunden….“
Er machte eine kurze Pause.
„Victor … ich bin nicht das leibliche Kind meiner Eltern. Ich wurde adoptiert.“
Victor sagte nichts. Er sah Tian ruhig an.
„Das haben sie dir nie erzählt?“ fragte er schließlich.
Tian schüttelte den Kopf. „Sagen wir es so, ich hatte schon länger eine Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich den Tresor bei uns zu Hause geöffnet habe.“ Er hob den Blick. „Schau mich nicht so an. Es war leichter als gedacht. Meine Mutter - also Lianhua - ist erstaunlich nachlässig, was ihre Passwörter betrifft.“
Ein schwaches Lächeln huschte über Victors Gesicht, verschwand aber sofort wieder.
„Und?“ fragte er. „Hast du herausgefunden, wer deine leiblichen Eltern sind?“
Tian lehnte sich zurück, rieb sich mit der Hand den Nacken. Victor kannte diese Geste. Tian tat das immer, wenn er nervös war. Also ließ er ihm Zeit.
„Okay“, sagte Tian schließlich. „Hier fängt es an, kurios zu werden.“
Er erzählte von der Adoptionsstelle und davon, wie schwierig es gewesen war, an Informationen zu kommen.
„Frag mich bitte nicht wie“, sagte er. „Aber ich habe es geschafft, dass sie mir die Namen genannt haben.“
„Erfährt man das nicht einfach so?“ fragte Victor.
Tian schnaubte leise. „In meinem Fall offenbar nicht. Du kennst meine Eltern. Ihren Einfluss. Es war klar, dass sie sich das Schweigen der Behörde erkauft haben.“
„Wie hast du es dann angestellt?“
Tian schwieg. Sein Blick wurde für einen Moment dunkel.
„Sagen wir einfach: Ich habe es geschafft. Punkt.“
Victor nickte. Er wusste, wann er nicht weiterfragen sollte.
„Und?“ sagte er stattdessen. „Wer sind sie?“
„Sie leben in Dowon“, antwortete Tian. „Ein Ehepaar. Sehr alt.“
Er stockte.
„Das kam mir seltsam vor. Wie sollten so alte Menschen einen achtzehnjährigen Sohn haben?“
Victor beugte sich leicht vor. „Tian, bitte. Mach es nicht so spannend.“
Tian atmete tief ein.
„Die Wahrheit ist: Es sind nicht meine wirklichen Eltern. Auch sie wurden bezahlt. Damals. Von Lianhua und Jan.“
Victor runzelte die Stirn. „Aber wer sind dann deine Eltern?“
„Es hat gedauert“, sagte Tian leise. „Und es hat Überzeugungskraft gebraucht. Aber irgendwann haben sie geredet.“
Er sah Victor an.
„Meine Mutter … sie kannten sie.“
„Tian“, sagte Victor ruhig. „Bitte. Wer ist es.“
„Eine Frau von der Insel“, sagte Tian.
Dann sprach er den Namen aus: „Tika Shafira.“
Der Name hallte nach.
„Tika?“ wiederholte Victor langsam. „Der Name sagt mir etwas. Ich glaube, meine Mutter hat sie ein paar Mal erwähnt. Aber … sie ist tot, oder?“
„Ja“, sagte Tian. Seine Stimme klang gedämpft. „Tika ist vor langer Zeit gestorben.“
Victor wandte den Blick ab und sah hinaus auf das Meer. Auf den Strand, auf die vertraute Linie des Horizonts. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er verstand, wie aufgewühlt Tian war, aber wenn seine Mutter tot war, dann gab es keine Möglichkeit mehr ein Gespräch zu führen, um mehr darüber zu erfahren, warum sie ihr Kind weggegeben hatte.
„Tian …“
Victor sah ihn wieder an. Für einen Moment verlor er sich in seinem Blick. In seinen Augen. In diesem vertrauten, ruhigen Ausdruck, der ihm seit Jahren Halt gab. Ein seltsames Ziehen breitete sich in seiner Brust aus. Verlegen wandte er den Blick ab.
Beherrscht sagte er: „Was hältst du davon, heute bei mir zu übernachten? Meine Mutter hat sicher nichts dagegen. Vielleicht können wir bei der Gelegenheit ein paar Informationen über Tika von ihr bekommen - ganz unauffällig natürlich.“
Tian sah ihn lange an.
„Victor“, sagte er dann, „ich möchte nicht, dass du jemandem erzählst, was ich dir eben anvertraut habe.“
In seinem Blick lag eine ungewohnte Härte. Eine Bestimmtheit, die Victor so noch nie bei ihm gesehen hatte. Und doch war da nichts, wogegen er sich sträuben wollte.
„War doch klar“, sagte Victor ruhig. „Das bleibt unter uns.“
„Und kein Wort zu Kirana.“
Victor verstand sofort. Kirana war eine Freundin - aber Geheimnisse konnte sie nicht für sich behalten.
„Ehrenwort“, sagte Victor. „Keine Silbe. Zu niemandem.“
Und in diesem Moment war ihm klar, dass sich etwas verschoben hatte.
Etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen war.
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Wenn du mit die Trilogie von vorne starten möchtest dann geht es hier zum Prolog Folge von Insellicht
Wenn du Insellicht schon kennst, dann geht es hier zum zweiten Teil Inselschatten



Tika…sagt euch der Name was? Wisst ihr wer sie ist?