Inselkinder # 2
Die Kinder von Cahaya
Was bisher geschah: Jahre sind vergangen, seit die Ereignisse von Inselschatten die Insel Cahaya erschütterten. Nun kehrt Victor nach seinem Abschluss an der Elite-Schule nach Hause zurück. Für Dina ist es ein Moment voller Glück. Endlich hat sie ihren Sohn wieder bei sich. Auch Mingtian hat inzwischen sein neues Leben gefunden: Er ist verheiratet und Vater geworden. Kirana, nur ein Jahr jünger als Victor, kennt ihn seit ihrer frühen Kindheit. Zwischen den beiden besteht eine enge Freundschaft voller Vertrauen, Neckereien und gemeinsamer Erinnerungen. Während die Inselkinder ihre Wiedersehensfreude genießen, beginnt auf Cahaya ein neues Kapitel, voller Hoffnung, neuer Wege und alter Geschichten, die noch immer nachwirken.
Victor saß gelangweilt am Tisch im großen Saal des Restaurants auf Pulau Cahaya. Das Licht über ihm reflektierte sich aufdringlich in Glas, Besteck und polierten Oberflächen. Mingtian hatte zu einem eleganten, feierlichen Abendessen geladen und der Raum war mit Stimmen, gedämpftem Lachen und jener ruhigen Selbstverständlichkeit gefüllt, die einflussreiche Menschen umgab.
Es waren einige sehr wichtige Persönlichkeiten aus Cahaya anwesend. Männer und Frauen, deren Namen Gewicht trugen, deren Blicke wach und kontrolliert waren. Manche davon kannte Victor, andere hatte er noch nie gesehen. Besonders die chinesischen Gäste fielen ihm auf, die sich angeregt in ihrer Muttersprache unterhielten. Schnell, leise und mit einer Nähe, die andere ausschloß.
Rechts von Victor saß seine Mutter, Dina. Ihre Haltung war aufrecht, ihr Blick wach, als würde sie den Raum und die Menschen darin lesen. Links von ihm saß Kirana, zappelig, lebendig, immer wieder leicht nach vorn gebeugt, als könne sie kaum erwarten, dass der Abend weiterging. Neben ihr saß ihre Mutter Sari, ruhig, kontrolliert, beinahe unbeweglich. Am Kopf des Tisches thronte Mingtian, Präsident der Inselgruppe von Cahaya. Seine Präsenz war unaufgeregt, ordnend, beinahe beruhigend. Victor mochte ihn. Seine ruhige, bedachte Art. Mingtian wirkte immer präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Rechts von MIngtian waren zwei Plätze frei geblieben. Leere Stühle, die nicht übersehen wurden. Seine Schwester Lianhua und ihr Mann Jan Juan waren nicht erschienen. Niemand sprach darüber, aber man spürte, dass ihre Abwesenheit am Tisch entsprechend gewertet wurde.
Dafür war Tian da.
Der Neffe von Mingtian. Auch er hatte sein High-School-Diplom an der Eliteuniversität in Dowon erreicht. Die Feier galt ihnen beiden. Tian und Victor. Zwei junge Männer, zwei Abschlüsse, die im gleichen Maße gewürdigt wurden.
Victor ließ den Blick unauffällig zu Tian gleiten.
Sein Herz machte einen kleinen Sprung, so wie es das immer tat, wenn er Tian ansah. Erschrocken blickte er zur Seite. Niemand hatte seinen Blick bemerkt. Auch seine Mutter Dina, von der er sich immer durchschaut fühlte, war gerade in eine Unterhaltung mit einer der Gäste verwickelt und nahm keine Notiz von ihm.
Victor war froh. Wirklich froh, dass Tian auf Cahaya war.
Kirana stupste Victor leicht an und beugte sich zu ihm herüber.
„Victor, wir dürfen aufstehen. Vater hat es erlaubt“, flüsterte sie, kaum hörbar.
Seine Müdigkeit war augenblicklich verflogen. Victor hob den Blick und ein leises Leuchten trat in seine Augen. Unauffällig machte er ein stilles Zeichen in Tians Richtung. Die zwei waren ein eingeschworenes Team. Victor und Tian hatten im Internat ein Zimmer geteilt. Sie verstanden sich ohne Worte, kannten die Pausen, die Blicke, das Ungesagte des Anderen.
Victor beugte sich kurz zu seiner Mutter und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dina erwiderte ihn ohne ein Wort, mit dieser ruhigen Selbstverständlichkeit, die ihm seit jeher Halt gegeben hatte. Dann erhob er sich lautlos vom Tisch.
Die Nacht empfing sie warm.
Ein angenehmer Wind strich durch die Palmen und bewegte ihre Kronen mit einem leisen, gleichmäßigen Rascheln. Von der Terrasse des Restaurants aus war das Meer zu hören, sein dunkles, stetiges Rauschen, das an die Küste schlug und sich wieder zurückzog, als atme die Insel selbst.
Aus der Ferne drang Musik herüber, getragen von Licht und Lautsprechern aus dem nahegelegenen Spielcasino. Sie klang hell und verführerisch, glatt und ohne Pausen, wie ein Versprechen, das sich ständig wiederholte. Das Gebäude lag da wie eine künstliche Welt des Vergnügens, grell erleuchtet, überzogen von Farben, die nichts dem Zufall überließen.
Für Victor und seine Freunde blieb diese Welt verschlossen.
Zutritt erst ab einundzwanzig.
Die glitzernde Silhouette des Casino-Komplexes war selbst von Ibu Tanah aus zu sehen. Tag und Nacht beleuchtet. Eine Aneinanderreihung von künstlichen Gebäude, die stetig weiter wuchsen, Schicht um Schicht, als wären sie ein lebendiges Wesen.
Victors Mutter hatte ihm erzählt, dass hier früher ein entspannter, harmonischer Ort gewesen war. Ein Resort, still, dem Meer zugewandt, getragen von Ruhe und Rückzug. Victor konnte sich das nicht vorstellen. Für ihn war Pulau Cahaya untrennbar mit diesem grellen Leuchten verbunden, mit Musik, die nie ganz verstummte, und Gebäuden, die mehr versprachen, als sie halten konnten.
Mit seiner Mutter Dina war er dennoch oft hierhergekommen. Sie hatten das Casino und seine Ausläufer stets gemieden, weite Bögen um die hellen Fassaden gemacht. Stattdessen waren sie zur Tempelanlage gefahren. Victor liebte diesen Ort. Die Ruhe. Die Schwere der Steine. Die Katzen, die überall umherstreiften, lautlos, aufmerksam. Dina und er hatten jedes Mal frische Blumen mitgebracht und sie zu Füßen der großen Katzenstatue abgelegt - still, fast feierlich. Hier, fern vom Glanz des Casinos, schien die Insel zu atmen.
„Erde an Victor“, sagte Kirana und knuffte ihn in die Seite.
Er reagierte blitzschnell. Mit einer flüchtigen Bewegung kitzelte er sie freundschaftlich, genau dort, wo sie am empfindlichsten war. Kirana quietschte auf, schrill und ungehemmt, und versuchte lachend auszuweichen. Tian warf den beiden einen strafenden Blick zu. Er war bereits achtzehn, der Älteste von ihnen, und hatte diese Rolle längst angenommen. Vernünftiger. Ruhiger. Oft einen Schritt weiter.
Verschwörerisch blinzelte Tian den beiden zu. Mit leiser Stimme mahnte er sie, sich zu benehmen, sonst würden sie zurück an den Tisch gerufen werden. Und das wollte keiner von ihnen. Mit einer kleinen, kaum sichtbaren Bewegung gab er zu verstehen, ihm zu folgen.
Sie zogen sich in einen der hohen Korbsessel zurück. Tief, weich gepolstert, halb verborgen. Den Blicken der Erwachsenen entzogen, saßen sie dort, eng beieinander, fast ineinander verschoben, als bilde der Sessel eine eigene kleine Welt.
Tian griff in seine Tasche und zog eine Flasche Wein und zwei Zigarren hervor.
Victor strahlte. „Du hast daran gedacht.“
„Klar.“
Diesmal war es Tian, der Victor freundschaftlich knuffte.
Kirana sah die beiden an, die Stirn leicht gerunzelt. „Alkohol? Zigarren? Das ist schädlich für den Körper.“
„Für dich, Mäuschen“, entgegnete Tian ruhig, „werde erstmal erwachsen.“
Geübt öffnete er die Flasche mit dem Korkenzieher seines Taschenmessers. Der Korken löste sich leise. Victor und Tian nahmen je einen Schluck.
„Auf uns“, sagte Victor.
Und für einen Moment war alles andere weit weg.
Victor lehnte sich zurück.
Es war geschafft. Die Jahre im Internat lagen endlich hinter ihm, abgeschlossen, versiegelt, wie ein Kapitel, das man nicht noch einmal aufschlagen musste. Ohne Tian hätte er es nicht überstanden. Dieser Gedanke war ruhig und klar, ohne Übertreibung.
Tian war sein Vertrauter gewesen. Sein engster Freund.
Er war älter und stärker als Victor, sein Körper muskulös, vom Sport geformt, widerstandsfähig. Neben ihm wirkte Victor schmaler, weniger präsent. Einen Kopf kleiner als Tian hatte dieser ihn oft beschützt, still, selbstverständlich, ohne je darüber zu sprechen. Victor bewunderte ihn dafür für diese Stärke, die nicht prahlte, sondern einfach da war.
Er selbst war nie besonders sportlich gewesen. Kraft und Ausdauer hatten ihm gefehlt. Doch er hatte andere Gaben. Das Lernen fiel ihm leicht. Zahlen, Texte, Zusammenhänge ordneten sich fast von selbst in seinem Kopf. Wo Tian sich quälte, half Victor. Geduldig erklärend, manchmal nächtelang. So hatten sie sich ergänzt, ein stilles Gleichgewicht zwischen Kraft und Verstand.
Im weichen Polster des Sessels, mit dem warmen Abend um sich, dachte Victor daran zurück und spürte für einen kurzen, kostbaren Moment nichts als Erleichterung.
„Wie lange bleibst du auf Cahaya?“
„Erst mal den Sommer … und dann sehe ich weiter.“
Victors Herz machte einen kleinen, unkontrollierten Sprung, kaum spürbar und doch deutlich genug, um ihn zu verraten. Er sagte nichts, wandte nur den Blick zur Seite, als müsse er etwas betrachten, das plötzlich wichtiger war als die Gesichter vor ihm.
„Ich fahre morgen mit meiner Mutter nach Dowon“, sagte Kirana in die Stille. In ihrer Stimme lag Bedauern, offen und unverstellt. „Familienangelegenheiten.“
„Wann fahrt ihr los?“
„Wir begleiten dich zum Steg.“
Die Worte hingen einen Moment zwischen ihnen, leicht und schwer zugleich.
„Wir nehmen das erste Flugzeug am Morgen“, sagte Kirana. „Ja, bitte kommt auch.“
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Wenn du mit die Trilogie von vorne starten möchtest dann geht es hier zum Prolog Folge von Insellicht
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